Ok, ich bin ein visueller Mensch, wie alle Gestalter etwas zickig und eitel. Das gebe ich zu, und deshalb möge der IT-verliebte Leser mir diesen Beitrag verzeihen.

Anfang dieser Woche nahm ich an einer Besprechung teil, wo es um Benutzerprofile und Rechteverwaltung in einem Serversystem ging. Vorgestern Abend wollte man mir dann im Rahmen einer Präsentation ein Content-Management- und Redaktions-System nahebringen; mit dem saaaagenhaften Vorteil, dass genau mit diesem System zahlreiche unterschiedliche Benutzer, sogenannte Redakteure, Textverfasser oder wie auch immer, am Inhalt – neudeutsch Content – einer Website arbeiten können. Und da der Vorstand, Geschäftsführer, Bereichsleiter ja schließlich alle Bestandteile des Internetangebots seiner Firma ändern dürfen soll und die Putzfrau nur den Punkt (… äh, nein, die nicht Mal den, der Sachbearbeiter soll nur den Punkt ändern dürfen), hat dieses Content Management System eine ausgeklügelte Rechteverwaltung. Rechteverwaltung? Fängt mir R an wie Reizwort, das es inzwischen für mich ist. Braucht man die wirklich, oder ist es lediglich ein Machtinstrument? Ist der Sachbearbeiter wirklich sooo dooof, dass er wichtige Inhalte der Firmen-Website oder wichtige Firmendaten auf dem Server löschen könnte und würde? Ist er sooo untreu, dass ihm Daten außerhalb seines Tellerrandes bewusst vorenthalten werden müssen, weil die „ihn ja nichts angehen“. Doch, vielleicht interessieren diese Daten ihn einfach – ihn als Bestandteil des Teams Firma und ihn als Bestandteil der Wertschöpfungskette. Geht’s der Firma so schlecht, dass ihm diese Daten – mit denen er in 98% der Fälle eh nichts anfangen kann – bewusst vorenthalten werden müssen? Natürlich ist der nicht sooo dooof. Das ganze ist ein reines Machtspiel. Und zwar derer, die sowieso schon die Macht haben, quasi zur Untermauerung ihrer Autorität, die sie persönlich oft nicht haben.

Warum soll denn ein Koordinator – ich benutze dieses Wort hier für die zahlreichen “–leiter” und “Führungskräfte” verschiedener Hierarchesstufen – denn mehr Zugriffsrechte haben als ein Mitarbeiter, der mit dem Computersystem tagtäglich arbeitet. Na klar, weil der Koordinator sich wichtig macht, seine Wichtigkeit herausstellen will und dem Mitarbeiter täglich gezeigt werden muss, wie klein und doof er denn eigentlich ist, solange bis der es wohlmöglich selber glaubt. Mit System, in diesem Fall mit dem Computersystem, reduziert man ihn auf seinen unmittelbaren Bestandteil der Wertschöpfungskette in dieser Firma und verbietet ihm jeglichen Blick über den Tellerrand, und dazu z.B. Emails mit Anhang über 10 MB zu schicken, etc. Ok, der könnte sabotieren, wenn er Vollzugriff auf den Firmenserver hätte… Kann er auch mit seiner Computer-Beschränkung. Wer sabotieren will, findet schon seinen effizienten Weg.

Und Ihr, Ihr Informatiker, Ihr wirkt perfekt mit an diesen Machtspielen. Ich habe den Verdacht, Ihr genießt das sogar. Seid Ihr doch oft die einzigen, die Eure Systeme wirklich durchschauen, und bei denen auch der Chef „bitte bitte“ sagen muss, …wenn’s mal wieder stockt. Und natürlich müssen alle Mitarbeiter gut Freund mit Euch spielen, weil Ihr ja die Schaltstelle seid, die entscheidet, wessen Computerproblem zuerst angegangen wird,… und, wenn man Euch ganz oft einlädt, Euch den hausgemachten Most mitbringt, oder Euren Kindern Nachhilfe in Sprachen gibt, auch mal ein Admin-Passwort oder so was ähnliches liegen lasst. Damit man nicht immer klein klein zum Chef oder zu sonst welchem “–leiter von irgendwas” auch immer gehen muss, und bitte bitte sagen, sondern endlich aufatmen kann und endlich effizient arbeiten kann. Mails über 10 MB schicken kann, alle Email-Anhänge empfangen kann, den Farbdrucker benutzen kann, die Internetseiten in einem Rutsch komplett aktualisieren kann, ohne irgendeinen Bereich, wo man wieder mal keinen Zugriff drauf hat, etc. etc… All diese Probleme habt Ihr Informatiker ja während Eurer operativen Arbeit nicht. Kennt sie kaum bis gar nicht. Und stützt mit der von Euch erfundenen Benutzerprofile und Rechteverwaltung die innerbetrieblichen Hierarchien vorzüglichst. Kurz: Ihr seid die heimlichen Personalpolitiker.

Noch schlimmer, wenn Ihr als externe Berater – Consultants heißt Ihr dann ja – auflauft und Firmen komplette, komplexe Rechtesysteme überhelft, die Ihr mit Geschäftsführung, Vorstand, Führungskräften ausgeheckt habt. Für den Rest der Belegschaft ist dann auch mit Most und Nachhilfe nur selten ein effizienter Arbeitsalltag möglich.
Ach, Ihr Informatiker mit Eurer Rechteverwaltung. Irgendwie mag ich Euch ja, Ihr seid meist sehr nette Menschen, gute Nachbarn, hilfsbereit bis auf die Knochen. Bloß alles, was man mit zusammengeschalteten Computern machen kann, und worüber Ihr Euch unbekümmert freuen könnt, dass es funktioniert, trägt nicht zur Verbesserung unserer Welt bei, oft im Gegenteil. Eure Computer-Rechteverwaltung wird zum betrieblichen Personalinstrument. Manches Eurer Systeme wird zum Zeitdieb des 21. Jahrhunderts, und zum Lebenszeitdieb dessen, der davor sitzt. Und manchmal zum Arbeitsärgernis. Wollt Ihr das mit Euren Benutzerprofilen und Rechteverwaltungen eigentlich wirklich?

Benutzerprofil? Rechteverwaltung? Überflüssig wie ein Kropf!

Bildschirm-Arbeiter aller Länder vereinigt Euch! Euch gehören die Admin-Rechte!!!